Inkrementelle Innovation Beispiel Essay

Inhalt

Definitionen von Innovation

Es gibt viele nützliche und weniger nützliche Definitionen von Innovation. Wir bieten hier vier an, die aus unserer Sicht am sinnvollsten sind.

Die Verwandlung einer Idee in ein Angebot, das für den Empfänger wertvoll ist

Die erfolgreiche Einführung von etwas, was neu und nützlich ist

Auf neue Art und Weise Nutzen stiften

Die Herbeiführung eines neuen Zustands, der besser ist, als der vorherige

Wichtig sind unserer Meinung nach die Aspekte der Neuheit und der Verbesserung.

Innovation kann nach unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, was zur Definition von unterschiedlichen Innovationsarten führt.

Gegenstand der Innovation

Die wohl geläufigste Einteilung der Innovationsarten betrifft den Gegenstand der Innovation. Es gibt hier vier wesentliche Kategorien.

Produktinnovation

Die Produktinnovation betrifft Neuerungen bei Sachgütern.  Diese können entweder neue Produkte sein oder Verbesserungen an bereits bestehenden Produkten.

Das Automobil von Carl Benz und Gottlieb Daimler war eine (disruptive, radikale) Produktinnovation. Die Einführung von Airbags und Antiblockiersysteme und Verbesserungen der Motorleistung und Reduktion des Kraftstoffverbrauchs sind ebenfalls Produktinnovationen.

Prozessinnovation

Prozessinnovationen sind Verbesserungen an betrieblichen Abläufen oder Geschäftsprozessen. Typischerweise dienen sie dazu, Produktivität zu erhöhen oder Kosten zu senken. Sie werden meistens in den späteren Lebensphasen eines Produktes angewandt, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

Die Einführung des Fließbands in der Automobilindustrie durch Henry Ford Anfang des 20. Jahrhunderts ist das wohl bekannteste Beispiel einer Prozessinnovation. Weitere Beispiele sind das Online-Checkin bei Flugreisen und das Kanban-Prinzip in der Fertigung.

Geschäftsmodellinnovation

Die Geschäftsmodellinnovation geht über bloße Produkt- und Prozessinnovationen hinaus und ermöglicht Neuerungen an der gesamten Wertschöpfungsarchitektur. Dies schließt das Preismodell, die Art der Kundenbeziehungen, die Verteilung der Wertschöpfung in einem Partnernetzwerk und Vieles mehr. Viele Unternehmen versprechen sich signifikante Wettbewerbsvorteile durch die Geschäftsmodellinnovation.

Bekannte Beispiele für Geschäftsmodellinnovationen sind der Wandel von IBM von einem Rechnerhersteller zu einem IT-Dienstleister sowie Netflix und Spotify, die es erlauben, Kinofilme und Musik zu genießen, ohne physische Medien wie DVDs erwerben zu müssen.

Organisatorische Innovation

Dies wird auch Soziale Innovation genannt. Gemeint sind Neuerungen bei Organisationsformen, Regeln und gesellschaftlichen Angeboten.

Beispiele für soziale Innovationen im öffentlichen Bereich sind die Gründung des Roten Kreuzes und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Im Betrieb sind Beispiele die 360-Grad Evaluation von Mitarbeitern oder der Wechsel von einer hierarchischen Organisationsstruktur zu einer Team- oder Projektstruktur.

Neuheitsgrad

Eine weitere Perspektive auf die Innovation ist ihr Neuheitsgrad. Die fünf Innovationsarten werden hier in der Reihenfolge abnehmender Neuheit präsentiert.

Basisinnovation

Basisinnovationen sind Neuerungen, die Probleme auf vollkommen neue Weise lösen oder für bisher ungelöste Probleme zum ersten Mal eine Lösung darstellen. Oft beruhen Basisinnovationen auf neuen Technologien.

Beispiele für Basisinnovationen sind das Airbag, das Mikrochip und der Verbrennungsmotor.

Verbesserungsinnovation

Verbesserungsinnovationen werden auf bestehende Produkte oder Systeme angewandt mit dem Ziel, eine wichtige Eigenschaft zu verbessern. Die Kernfunktionalität wird dabei nicht geändert. Bei einem Produkt kann dies kann zum Beispiel heißen, seine Leistung oder Zuverlässigkeit zu erhöhen oder seine Produktion oder Logistik effizienter zu machen. Verbesserungsinnovationen sind die mit Abstand häufigste Art von Innovation.

Beispiele für Verbesserungsinnovationen sind die ständigen Leistungssteigerungen bei Rechnerkomponenten, zum Beispiel die Speicherkapazität der Festplatte, die Taktrate der CPU oder die Pixelauflösung des Bildschirms.

Anpassungsinnovation

Anpassungsinnovationen sind Modifikationen an einem Produkt, um sie für eine bestimmte Spezialanwendung oder eine spezielle Zielgruppe nutzbar zu machen. Beispiele hierfür sind Spezialanpassungen von Automobilen für die Polizei oder für reiche Kunden mit Spezialwünschen.

Imitation

Imitationen sind (angebliche) Innovationen, die lediglich Kopien bereits bestehender Produkte oder Dienstleistungen sind. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Hersteller ein (für ihn) neues Produkt einführt, um mit einem Konkurrenten gleichzuziehen.

Ein weit verbreitetes Beispiel für Imitation ist im Internet-Bereich zu finden, wo Startups keine eigene Geschäftsidee verfolgen, sondern lediglich eine bereits existierende Idee (meistens aus den USA) in ihrem Heimatland kopieren.

Man kann darüber streiten, ob es sich bei der Imitation tatsächlich um eine Innovation handelt oder nicht.

Scheininnovationen

Scheininnovationen sind (angebliche) Innovationen, die keinen neuen Nutzen liefern. Dies passiert, wenn Hersteller nur oberflächliche Änderungen an ihren Produkten vornehmen, um ihnen den Anschein der Neuheit zu geben.

Typische Beispiele für Scheininnovationen sind „neue“ Seifen und Shampoos, die sich nur in ihrer Duftnote von den vielen bereits eingeführten Produkten des selben Herstellers unterscheiden.

Geltungsbereich

Man kann Innovationsarten danach unterscheiden, in welchem Bereich sie tatsächlich neu sind.

Neu für die Welt

Dies sind Neuerungen, die die Welt bisher noch nicht kannte. Sie beruhen oft auf technischen Erfindungen oder neuen Technologien.

Beispiele sind das erste Dampfschiff, der erste Fernseher und das erste Mikrowellenherd.

Neu für die Branche

Dies sind Innovationen, die auf einem anderen Gebiet bereits bekannt, aber für die Branche, in die sie eingeführt werden, neu sind.

Beispiele hierfür sind kommerzielle Nachtsichtgeräte (früher nur beim Militär erhältlich) oder Mieten von Kinderkleidung (bisher nur bei Fahrzeugen und teuren Geräten bekannt.)

Neu für uns

Dies sind Neuerungen, die auch in der eigenen Branche bekannt sind, aber für die eigene Organisation neu sind. Diese sind oft das Ergebnis von Benchmarking oder Reaktionen auf Aktivitäten von Wettbewerbern.

Die X-Modelle sind Fahrzeuge, die bei ihrer Einführung für BMW neu waren, in ihrer Art aber schon von vielen Herstellern angeboten werden.

Veränderungsumfang

Man kann Innovationen auch nach ihrem Neuheitsgrad unterscheiden.

Inkrementelle Innovation

Dies sind kleine Änderungen an bestehenden Produkten oder Systemen. Sie enthalten keine neuen Erkentnisse oder Technologien und führen zu kleinen Verbesserungen. Sie sind mit den Verbesserungsinnovationen fast gleichbedeutend.

Radikale Innovation

Radikale Innovationen stellen große Fortschritte dar. Basisinnovationen sind sehr oft auch radikal.

Das Elektroauto ist eine radikale (und für Tankstellen auch disruptive) Innovation.

Anlass

Gelegentlich werden Innovationsarten nach dem Anlass zu ihrer Entstehung unterschieden.

Bedarfsinduzierte Innovationen

Dies sind Innovationen, die als Reaktion auf externe Anlässe entstehen. Ein Beispiel dafür ist Marktnachfrage in Form eines Kundenwunsches oder einer neuen Anwendung. Ein weiteres Beispiel sind Gesetze und andere Regulierungen.

Beispiele für bedarfsinduzierte Innovationen sind das Duale System für Abfall, das eine Reaktion auf eine gesetzliche Vorgabe war und Recycling-Papier, das eine Reaktion auf gestiegenes Umweltbewusstsein war.

Diese Innovationen werden auch „Pull“-Innovationen genannt, weil der Markt sie zu sich „heranzieht“.

Angebotsinduzierte Innovationen

Das Gegenteil zur „Pull“-Innovation ist die „Push“-Innovation, die das Unternehmen in den Markt „drückt“. Innovationen auf der Grundlage von neuen Technologien sind meistens „Push“-Innovationen. (Kein Kunde hat 1950 nach einem Mikrowellenherd gefragt.)

Beispiele für angebotsinduzierte Innovationen sind die Compact Disc, Mikrofasertextilien und LCD-Bildschirme.

Marktauswirkung

Zwei relativ neue Innovationsarten unterscheiden sich nach ihrer Marktauswirkung. Sie wurden von Clayton Christensen Ende der 1990er Jahre eingeführt.

Sustaining Innovation

Eine Sustaining (erhaltende) Innovation dient dazu, die eigene Marktposition zu verteidigen. Sie soll die Wettbewerbsfähigkeit eines bereits bestehenden Angebotes erhalten. Verbesserungsinnovationen sind immer Sustaining Innovations, ganz gleich, ob sie inkrementell oder radikal sind.

Sustaining Innovations können radikal sein: Der Übergang von Schallplatten zu CDs als Tonträger bedeutete einen kompletten Wechsel einer Technologie, aber die beteiligten Unternehmen haben nur damit ihre traditionellen Märkte verteidigen wollen.

Disruptive Innovation

Disruptive Innovationen sind solche, die etablierte Markte stören und oft in einer Verdrängung der bisherigen Marktführer resultieren. Das Automobil war vor 100 Jahren eine Disruption für Kutschenbauer, und das Internet ist heute eine Disruption für Zeitungsverlage. Disruptive Innovationen werden häufig (aber nicht immer) durch neue Technologien möglich, weshalb es auch den Begriff der disruptiven Technologie gibt.

Da es für ein Unternehmen kaum möglich ist, sich selbst zu „disrupten“, stammen disruptive Innovationen fast immer von Startups oder von Quereinsteigern. Der Markt für digitale Musik wurde beispielsweise nicht von der Medienindustrie aufgebaut, sondern von dem Rechnerhersteller Apple.

Der Begriff der disruptiven Innovation ist wohl der am meisten missverstandene und missbrauchte aller Innovationsbezeichnungen. Sie wird häufig mit radikalen Innovationen verwechselt.

Das Elektroauto ist eine Sustaining Innovation für Automobilhersteller, weil sie damit ihre bisherigen Marktpositionen verteidigen wollen. Für die Mineralölindustrie ist es aber eine disruptive Innovation, weil dadurch ihr Produkt nicht mehr benötigt wird.

Andere Innovationsarten

Servitization

Servitization ist eine spezielle Form der Geschäftsmodellinnovation, bei der ein Produkthersteller dazu übergeht, zusätzlich Dienstleistungen anzubieten.

Das wohl bekannteste Beispiel für Servitization ist die Firma Rolls Royce, die Triebwerke für Flugzeuge baut. Früher war dies ein Produktgeschäft: Für einen (hohen) Einmalbetrag ging das fertige Triebwerk in das Eigentum des Käufers über. Inzwischen bietet Rolls Royce den Verkauf von Schubstunden: Das Triebwerk bleibt Eigentum von Rolls Royce, und die Fluggesellschaft bezahlt für die „Dienstleistung Schubkraft„. Rolls Royce übernimmt dann auch die Verantwortung für die Wartung und Reparatur des Gerätes. Ein weiteres Beispiel ist der (inzwischen nicht mehr existente) Sprengstoffhersteller ICI Nobel, der auf der Grundlage seines Produkte einen Sprengservice für Steinbrüche einführte.

Open Innovation

Open Innovation bezeichnet jede Art von Innovationsaktivität, bei der externe Partner mit einbezogen werden. Beispiele dafür sind der An- und Verkauf von Schutzrechten aus Patenten, die Einbeziehung fremder Experten bei der Ideenfindung und Ideenbewertung und die Bildung von Allianzen und Joint Ventures mit anderen Unternehmen, um innovative Produkte anzubieten.

 

Innovationsarten: Unsere Definitionen

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Eine Folge der Differenzierung auf modernen Massenmärkten ist die zunehmende Störanfälligkeit und Risikoproduktion. Eine zweite ist die ist die zunehmende Bedeutung von Wissen als Wettbewerbsfaktor. „Wissen“ kann dabei zunächst „Wissensvorsprung“ meinen, d.h. First-Mover, die als erste eine Produkt- oder Prozessinnovation umsetzen, haben gegenüber Nachzüglern einen Wettbewerbsvorteil. Wenn ein Hersteller Marktführer ist, weil sein Produkt bezüglich einer Produkteigenschaft besser ist als andere, ist er im Vorteil, solange er ebenso an der Verbesserung des Produktes arbeitet wie die Konkurrenz. Damit entsteht ein permanenter Innovationszwang.

 Wechselwirkungen von Innovationen und Marktentwicklung

Produktinnovationen können nicht nur ein wesentliches Wettbewerbsargument sein, weil sich neue Produkte als „qualitativ hochwertiger“ vermarkten lassen (Baur 2001) – sie erlauben Unternehmen auch, Marktnischen zu bilden und so dem Wettbewerb auszuweichen. Am Beispiel von Firmen wie Aldi oder Müller-Milch habe ich auch gezeigt, dass Innovationen weiterhin das Markengefüge komplett durcheinanderbringen können.[1]

Innovationen sind aber nicht voraussetzungslos, d.h. nicht jeder hat die gleiche Chance auf eine gelingende Innovation.[2] Jedes Produkt, jede Produktentwicklung setzt zunächst ein bestimmtes Technologieniveau voraus. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil viele Innovationen sog. inkrementelle Innovationen sind – sie bauen auf Vorhandenem auf und verbessern es (hinsichtlich des Produktes oder hinsichtlich des Produktionsprozesses). Optimiert werden kann aber nur, was schon vorhanden ist. Für viele Technologien sind arbeitsintensive und langfristige (bisweilen Jahrhunderte lange) Vorinvestitionen notwendig, d.h. Innovationsprozesse sind auf gesellschaftliche Vorleistungen angewiesen. So benötigen Produzenten eine bestimmte Zahl entsprechend ausgebildeter Menschen, um Innovationen tätigen und aufrechterhalten zu können. Auch Infrastrukturinvestitionen, Verwaltungstechniken, bestimmte Formen der Arbeitsteilung und andere Produktionstechniken sind ab einem bestimmten Punkt Voraussetzung für weitere Entwicklung (Boserup 1973, 1981). Gleichzeitig muss der Absatzmarkt groß genug sein, damit sich diese Investitionen lohnen. Dies verweist auf die Bedeutung regionaler Cluster bzw. Netzwerke, d.h. man weiß, dass es bestimmten Regionen seit Jahrhunderten (!) besser gelingt als anderen, innovativ zu sein bzw. ihre wirtschaftliche Leistungskraft ständig zu erneuern und gegenüber anderen Regionen einen Vorsprung zu bewahren, man weiß aber bis heute nicht genau, warum das so ist.

So gesehen kann man sagen, dass Unternehmen Getriebene in einer Innovationsspirale sind – um der Konkurrenz standhalten zu können, müssen sie permanent neue Produkte auf den Markt bringen und ihre Produktionsprozesse optimieren. Geraten sie einmal ins Hintertreffen, sind sie sehr schnell vom Konkurs gefährdet.

Der Innovationszwang begünstigt dabei große, etablierte Firmen und kann zu einer Marktschließung führen, weil echte Produktinnovationen heute sehr forschungsintensiv sind und i.d.R. nur die „Großen“ es sich leisten können, sehr viel in Forschung und Entwicklung zu investieren. Vorhandene Technologien und Routinen können genau deshalb auch als Machtressource im Wettbewerb dienen (Schulz-Schaeffer 2000). Insbesondere technische Standards können eine Quelle von Marktmacht sein, wenn sie den Marktzugang von Konkurrenten behindern (Huisinga 1996, Häußling 1998). Der Produktionsprozess und Innovationen sind also nicht nur ein Medium, über das Wettbewerb ausgefochten wird, sondern sie strukturieren auch die Möglichkeiten der Marktentwicklung vor und treiben andere Marktentwicklungen voran. Allgemeiner gesprochen: Technik und Markt sind dynamisch gekoppelt (Bredeweg u.a. 1994, Mener 2000, Marsch 2000).

Beschleunigung von Innovationsprozessen

Dabei haben wir insbesondere in den vergangenen drei Jahrzehnten eine Beschleunigung des Innovationsprozesses zu verzeichnen, wie sich am Beispiel des Joghurt-Marktes sehr gut zeigen lässt:

Das Wissen über die verschiedenen Verfahren der Joghurtproduktion ist mehrere Tausend Jahre alt. Es hatte sich sehr langsam in den Balkanländern herausgebildet und wurde im Lauf der Jahrtausende nach Asien und in zwei europäischen Ländern weitergegeben. Joghurt wurde damals nur in Eigenproduktion und in sehr geringen Mengen produziert, und das Wissen über die Joghurtherstellung wurde von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Bis zum 19. Jahrhundert verstand man jedoch die einzelnen Arbeitsschritte und die Reaktionsmechanismen bei der Joghurtproduktion nicht genau, und bis Mitte des 20. Jahrhunderts veränderten sich auch die Produktionsmethoden kaum.

Mit dem Anstieg der Nachfrage nach Joghurtprodukten wird die Joghurtproduktion seit Beginn der 1950er immer stärker rationalisiert, und es kommt zu einer Beschleunigung der Innovationen in diesem Bereich. Entscheidende Durchbrüche in der Mikrobiologie und -enzymologie, in der Physik und im Maschinenbau, in der Chemie und Biochemie sowie der Datenverarbeitung und Gentechnik machten dies möglich. Dabei wurde nicht nur Massenproduktion möglich, sondern die neuen Techniken erlaubten es auch, dass die Eigenschaften des Endprodukts kontrolliert, standardisiert und im Laufe der Jahre deutlich gegenüber dem traditionellen Herstellungsprozess verbessert wurden.

Heute sind wir in einer Situation, in der der Joghurtmarkt einer der innovativsten überhaupt ist. Wie ich bereits geschrieben habe, bringt etwa die Firme Müller-Milch bei einem einzigen Produkt („Joghurt mit der Ecke“) mit der „Ecke des Monats“ jeden Monat eine Produktinnovation auf den Markt.

Reflexive Innovationen

Neben der Beschleunigung von Innovationen lässt sich beobachten, dass es immer mehr einen Innovationszwang gibt in dem Sinne, dass Innovationen – ähnlich wie Geld – sich immer mehr vom Mittel (um gesellschaftliches Handeln zu erleichtern) zum Selbstzweck werden. Weiterhin erfasst das Innovationsparadigma zunehmend alle gesellschaftlichen Bereiche, d.h. es genügt heute nicht mehr allein, dass technische Inventionen im Bereich der Wirtschaft umgesetzt werden, sondern die gesamte Gesellschaft wird zunehmend aufgefordert, innovativ zu sein. Hutter et al. (2011: 1) schreiben hierzu:

Innovation prägt die moderne Gesellschaft seit ihrem Beginn. Gegenwärtig verändert sie jedoch ihren Charakter: Sie wird reflexiv, verläuft als heterogen verteilter Prozess und verallgemeinert sich zu einem ubiquitären Phänomen. Reflexive Innovation meint dabei nicht nur die gezielte, sondern auch die vom kontinuierlich erneuerten Wissen um Innovation getragene Veränderung von Handlungspraktiken. Damit wird Innovation selbst zum Ziel und Zweck gesellschaftlichen Handelns, und zwar als Thema des Handelns (Semantik des Neuen), als Teil der Routinen des Handelns (Pragmatik kreativen Handelns) und als systematisch geschaffene soziale Strukturen zur Herstellung des Neuen (Grammatik innovativer Regime). Mit der heterogen verteilten Innovation wird die Verschiebung vom einzelnen Entrepreneur auf ein Netzwerk verschiedenartiger Akteure angesprochen. Mit der Ubiquität werden die Tendenz zur Entgrenzung der Innovation von den klassischen Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft und ihre Verallgemeinerung zu einem Handlungsimperativ behauptet.

Zunehmende Bedeutung der Wissenschaft

Der Begriff der „Reflexivität“ verweist darauf, dass Akteure nicht nur selbst nach Innovationen streben, sondern auch darüber nachdenken, wie sie ihre Innovationsprozesse selbst optimieren können. Dies verweist wiederum auf zwei gesellschaftliche Prozesse:

Erstens nimmt wegen der zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung von Innovationen auch tendenziell die Bedeutung von Wissenschaft zu (die ja einer der Träger von Inventionen sein soll) – und diese wird wiederum selbst dem Optimierungsparadigma von Innovationen zugewiesen. So gesehen lassen sich der von Münch (2012a, 2012b, 2012c, 2012d, 2012e, 2012f, 2012g, 2012h) zu Recht kritisierte Ranking-Fetischismus und Messwahn in der Wissenschaft auch als Versuch lesen, die Innovationsfähigkeit der Wissenschaft zu optimieren.

Handhabung der Differenzierung

Zweitens stellt sich bei Innovationsprozessen (auch in der Wissenschaft) die Frage, wie die Differenzierung gehandhabt hat – die meisten Disziplinen sind heute so spezialisiert, dass es selbst für Vertreter einer Disziplin mitunter schwer wird, zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig sind aber viele zu lösende Fragen so komplex, dass sie eigentlich nur in großen, interdisziplinären Teams gelöst werden können.

Damit, wie Innovationsprozesse praktisch über Disziplinen hinweg organisiert werden und mit sozialer Ungleichheit zusammenhängen, befassen im Rahmen der Wissenschaft geschieht, befassen wir uns in zwei aktuellen Forschungsprojekten (SIEU und genderDynamiken), die eingebettet sind in einen weiteren Forschungskontext zur Innovationsgesellschaft. Über diese werde ich aber hier nicht schreiben. Stattdessen werde ich mich im Lauf der nächsten Woche weiter der Frage widmen, wie Innovation, Wissen und Differenzierung im Bereich der Wirtschaft zusammenhängen, oder genauer: wie versucht wird, Differenzierung mittels Wissens zu handhaben.

 

 

Literatur

Baur, Nina (2001): Soziologische und ökonomische Theorien der Erwerbsarbeit. Eine Einführung. Frankfurt a. M./New York: Campus

Benson, Ian/Lloyd, John (1983): New Technology and Industrial Change. The Impact of the Scientific-Technical Revolution on Labour and Industry. London: Kogan Page Limited

Boserup, Ester (1973): Population Growth and Employment. Ceres 10. Nachgedruckt in: Boserup, Ester (1990a): Economic and Demographic Relationships in Development. Essays Selected and Introduced by T. Paul Schultz. Baltimore/London: The Johns Hopkins University Press. S. 273-277

Boserup, Ester (1981): Population and Technology. Oxford: Basil Blackwell

Bredeweg, Udo/Kowol, Uli/Krohn, Wolfgang (1994): Innovationstheorien zwischen Technik und Markt. Modelle der dynamischen Kopplung. In: Bechmann, Gotthard/Rammert, Werner (Hg.) (1994): Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 7: Konstruktion und Evolution von Technik. Frankfurt/Main: Campus. S. 187-205

Dorf, Richard C. (1974): Technology, Society and Man. San Francisco: Boyd & Fraser Publishing Company

Häußling, Roger (1998): Die Technologisierung der Gesellschaft. Eine sozialtheoretische Studie zum Paradigmenwechsel von Technik und Lebenswirklichkeit. Würzburg: Königshausen & Neumann

Huisinga, Richard (1996): Theorien und gesellschaftliche Praxis technischer Entwicklung. Soziale Verschränkungen in modernen Technisierungsprozessen. Amsterdam: Verlag Fakultas

Hutter, Michael/Knoblauch, Hubert/Rammert, Werner/Windeler, Arnold (2011): Innovationsgesellschaft heute: Die reflexive Herstellung des Neuen. TUTS-WP-4-2011

Marsch, Ulrich (2000) : Zwischen Staat, Wirtschaft und Wissenschaft – Metallforschung in Deutschland und Großbritannien 1900 bis 1939. In: Schneider, Ivo/Trischler, Helmuth/Wengenroth, Ulrich/Deutsches Museum (Hg.) (2000): Oszillationen. Naturwissenschaftler und Ingenieure zwischen Forschung und Markt. München; Wien: R. Oldenbourg Verlag. S. 381-409

Mener, Gerhard (2000): Zwischen Himmel und Erde: Wechselwirkungen zwischen Technikentwicklung und Markt am Beispiel der Photovoltaik. In: Schneider, Ivo/Trischler, Helmuth/Wengenroth, Ulrich/Deutsches Museum (Hg.) (2000): Oszillationen. Naturwissenschaftler und Ingenieure zwischen Forschung und Markt. München; Wien: R. Oldenbourg Verlag. S. 343-380

Rammert, Werner (2000a): Modelle der Technikgenese. Von der Macht und Gemachtheit technischer Sachen in unserer Gesellschaft. In: Rammert, Werner (2000): Technik aus soziologischer Perspektive 2. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. S. 59-69.

Rammert, Werner (2000b): Regeln der technikgenetischen Methode. Die soziale Konstruktion der Technik und ihre evolutionäre Dynamik. In: Rammert, Werner (2000): Technik aus soziologischer Perspektive 2. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. S. 70-81

Schulz-Schaeffer, Ingo (2000): Sozialtheorie der Technik. Frankfurt a. M.: Campus Verlag

Simonis, Georg (1989): Technikinnovation im ökonomischen Konkurrenzsystem. In: Schatz, Herbert/Simonis, Georg/von Alemann, Ulrich (Hg.) (1989): Gesellschaft – Technik – Politik. Perspektiven der Technikgesellschaft. Opladen: Leske + Budrich. S. 37-73

Wiesenthal, Helmut (1982): Alternative Technologie und Gesellschaftliche Alternativen. Zum Problem der Technikwahl. In: Bechmann, Gotthard/Nowotny, Helga/Rammert, Werner/Ullrich, Otto/Vahrenkamp, Richard (Hg.) (1982): Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 1. Frankfurt/Main: Campus. S. 48-78

Wolf, János (1994): Die Diskontinuität zwischen der Entdeckung des Penicillins und der medizintechnischen Revolution der Antibiotika. Eine genetische Analyse von mikro- und makrostrukturellen Phänomenen der Wissenschafts- und Technikforschung. In: Bechmann, Gotthard/Rammert, Werner (Hg.) (1992): Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 7: Konstruktion und Evolution von Technik. Frankfurt/Main: Campus. S. 149-186

 

 

Anmerkungen

[1] Bestimmte neue Produkte können als Basistechnologien sogar zu Leittechniken einer Epoche werden, die Marktentwicklung extrem vorantreiben, die Verhältnisse verschiedener Märkte zueinander verschieben und Schlüsselindustrien begründen, welche sowohl Konsumgütermärkte beliefern also auch Prozessinnovationen erlauben (Benson/Lloyd 1983). Zu ihnen gehören die Dampfmaschine, die Eisenbahn, die chemische Industrie, das Automobil und die Informationstechnologien (Baur 2001, Dorf 1974).

[2] Nur weil etwas technisch möglich ist, muss es noch lange nicht produziert werden (Wolf 1994). Und nicht jedes neue Produkt findet Akzeptanz auf dem Markt. Es wird also zweifach selektiert: zum einen wählen Produzenten aus den technischen Möglichkeiten bestimmte Technologien aus, die sie in Produkte umsetzen (Simonis 1989). Zum anderen wählen die Konsumenten dann aus der angebotenen Produktpalette (Wiesenthal 1982). Ohne den historischen und kulturellen Kontext zu betrachten, kann man daher nicht verstehen, warum bestimmte Produkte produziert werden (Rammert 2000a, 2000b).

Autor: Nina Baur

Prof. Dr. Nina Baur (März & April 2013) Professorin für Methoden der empirischen Sozialforschung am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin Arbeitsschwerpunkte: Methoden der qualitativen und quantitativen Sozialforschung, Marktsoziologie, Prozesssoziologie, Raumsoziologie Zeige alle Beiträge von Nina Baur

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